Niedersächsische Walderklärung

waldbildNiedersächsische Walderklärung
Forstminister Hans-Heinrich Ehlen hat alle Akteure, denen der Wald am Herzen liegt, zur Mitarbeit an einem gemeinsamen Positionspapier zur Zukunft der niedersächsischen Wald-, Forst- und Holzwirtschaft aufgefordert. „Ich möchte damit dem niedersächsischen Wald „ein Stimme“ verleihen …“ sagte Minister Ehlen. Die SDW Niedersachsen nimmt wie folgt Stellung:

Stellungnahme der SDW Niedersachsen zur Vorbereitung einer zukünftigen Niedersächsischen Walderklärung:

1. Steigende Nachfrage nach Wasser

Grundwasserneubildung bzw. -speicherung
Unter dem Aspekt der Grundwasserneubildung und -speicherung erwartet die SDW Niedersachsen vom Wald der Zukunft eine ausreichende Präsenz von Mischwäldern aus Nadel- und Laubholz, welche überall im Land eine hohe Grundwasserneubildungsrate garantieren können. Für wünschenswert halten wir in diesem Zusammenhang, dass der Waldanteil besonders im Nordwesten Niedersachsens noch weiter anstiege.

Als konkrete Ziele und Maßnahmen der Forstwirtschaft erwarten wir, dass die Landesforsten – ganz besonders in Wasserschutzgebieten – den Waldumbau in Richtung Laubholzmehrung weiter fortsetzen. Dies muss und kann selbstverständlich nur in Abhängigkeit von der Standortkartierung geschehen. Wir erwarten weiterhin, dass die Forstliche Förderung diesen Umbau auch im Privatwald erlaubt. Neuaufforstungen sollten unserer Auffassung nach besonders im Nordwesten auch gegen eine mögliche landwirtschaftliche Flächenkonkurrenz weiter fortgesetzt werden. Eine große Chance sehen wir in freiwilligen vertraglichen Vereinbarungen von Waldbesitzern mit Wasserversorgern. Diese sollten unterstützt werden und sowohl im Staats- als auch im Privatwald zu einer soliden wirtschaftliche Grundlage für Waldmehrung und -umbau werden können.

Wasserreinigung bzw. -reinhaltung

Die SDW Niedersachsen wünscht sich für den Wald der Zukunft, dass sich die Waldböden landesweit wieder auf einen gesunden Zustand hin bewegen und Schadstoffausträge aus dem Wald nur eine seltene Ausnahme darstellen. Die SDW hofft, dass sich Waldwasser wegen seiner besonderen Güte zukünftig gewinnbringend vermarkten lässt.

Als konkrete Ziele und Maßnahmen der Forstwirtschaft erwarten wir in diesem Zusammenhang, dass spürbarer öffentlicher Druck seitens der Forstwirtschaft aufgebaut wird und schließlich dafür sorgt, dass im Sinne des Verursacherprinzips gesetzliche Regelungen zur Minderung der Schadstoffeinträge in die Waldböden auf den Weg gebracht werden. Darüber hinaus müssen dringend Instrumente entwickelt werden, die es der Forstwirtschaft erlauben, nachweislich geschädigte Waldböden für sie kostenfrei zu sanieren. Die Forstwirtschaft sollte darauf bestehen, dass bei nachgewiesener Notwendigkeit zumindest die Bodenschutzkalkungen auch zukünftig voll staatlich finanziert wird. Von Wasserverbandsbeiträgen sollte die Forstwirtschaft generell befreit werden.


2. Steigende Nachfrage nach Nahrung

Flächenkonkurrenz
Der Flächenbedarf für die Nahrungsmittelproduktion lässt aus Sicht der SDW Niedersachsen keine nennenswerten Interessenkonflikte mit aktuellen oder zukünftigen Wald-Belangen befürchten.

Auch der Flächenbedarf für Neuaufforstungen im Nordwesten hat unseres Erachtens keinen Einfluss konkret auf die Nahrungsmittelproduktion.

Pflanzenschutzmittel und Dünger
Die SDW Niedersachsen wünscht sich natürlich für den Wald der Zukunft, dass weder Pflanzenschutzmittel- noch Düngereinträge den Wald, seine Ränder oder die Fauna der Waldränder beeinträchtigen.

Als konkrete Ziele und Maßnahmen der Forstwirtschaft erwarten wir daher, dass diese in der öffentlichen Diskussion auch zu dieser Thematik entsprechend Präsenz zeigt und dadurch das Bestreben der Landwirtschaft um einen verantwortungsvollen Pflanzenschutzmittel- und Düngereinsatz unterstützt.

Gentechnologie

Für die Gehölze, die krautigen Pflanzen und die Tiere des Waldes wünscht sich die SDW Niedersachsen von der Landwirtschaft, dass sich keine Gefahren durch genetisch veränderte Organismen auf benachbarten landwirtschaftlichen Flächen – wie wildunverträgliche Nutzpflanzen oder mutierte Schadorganismen – entwickeln.

Als konkrete Ziele und Maßnahmen der Forstwirtschaft erwarten wir, dass mögliche Einflüsse genetisch veränderter Organismen auf Flora und Fauna des Waldes auch seitens der Forstwirtschaft selber früh und gründlich untersucht werden. Wir erwaten, dass die Ergebnisse dieser Untersuchungen offensiv kommuniziert werden und dies wirksam dazu beiträgt, dass Gentechnik (jenseits von beschleunigter Züchtung) im Freiland verboten wird.


3. Steigende Nachfrage nach Energie

Waldrestholz
Die SDW Niedersachsen wünscht sich für den Wald der Zukunft, dass sich trotz der großen Nachfrage nach Brennholz jeder Art der Nährstoffaustrag aus dem Wald auf ein ökologisch vollkommen un-bedenkliches Maß beschränkt.

Wir erwarten von der Forstwirtschaft der Zukunft als konkrete Ziele und Maßnahmen Regelungen, die eine Holzernte nur bis zur Derbholzgrenze zulassen. Holz unterhalb dieser Grenze muss im Wald verbleiben. Zur Umsetzung dieses Ansatzes sollte u.a. der Brennholzverkauf an Privatpersonen zunehmend als Industrieholz lang an der Waldstraße erfolgen. Wir erwarten ferner, dass auch Restholzbündler wegen viel zu hoher Nährstoffausträge schon bald nicht mehr zum Einsatz kommen. Stockrodung zur Brennholzgewinnung muss generell verboten werden. Als festzuschreibenden Grundsatz einer Forst- und Holzwirtschaft der Zukunft erwarten wir im Interesse einer langfristigen CO2-Bindung den klaren Vorrang der stofflichen vor der thermischen Holznutzung (sog. Kaskadennutzung).

Kurzumtriebsplantagen

Die SDW Niedersachsen geht davon aus, dass sich die Energiegewinnung auch aus Kurzumtriebsplantagen schon bald etablieren wird.

Als konkrete Ziele und Maßnahmen einer zukünftigen Forstwirtschaft erwarten wir, dass nicht bestockte Flächen von staatlichen und privaten Waldbesitzern nicht mehr verkauft sondern zur Energieholzproduktion genutzt werden. Auch Leitungstrassen halten wir in diesem Zusammenhang für eine geeignete Flächenreserve. Wir erwarten, dass die Forstwirtschaft in der Praxis und über das Versuchswesen Standards entwickelt, nach denen auch diese Bewirtschaftungsform – ähnlich den Niederwäldern der Vergangenheit – ökologisch zuträglich betrieben werden kann. Wir gehen davon aus, dass sich die Beerntung von Kurzumtriebsplantagen zukünftig zu einem weiteren Standbein forstlicher Lohnunternehmer entwickeln wird.

Windenergie aus dem Wald
Für den Wald und das Landschaftsbild in Niedersachsen hofft die SDW, dass Windenergieanlagen auf Bergrücken, an Waldrändern oder in Waldbeständen zukünftig nirgendwo in Niedersachsen mehr denkbar sind.

Wir erwarten als konkrete Ziele und Maßnahmen, dass sich sowohl die Landesforsten als auch der Privatwaldbesitz zukünftig klar gegen die Ansiedlung von Windkraftanlagen im Wald aussprechen. Unser Wunsch ist, dass geschlossene Bestände und stufig aufgebaute Waldränder bei allen auch wirtschaftlich betroffenen eine höhere Wertschätzung genießen als mögliche Einnahmen aus Wind-energieanlagen mit der flächenzerschneidenden Wirkung ihrer Infrastruktur.


4. Nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt

Praktische Bewirtschaftung
Die SDW Niedersachsen geht davon aus, dass der Wald der Zukunft – in sogar zunehmendem Maße – ein reichhaltiges Spektrum an Hölzern primär zur stofflichen und nachrangig auch zur thermischen Verwertung liefern wird.

Von der Forstwirtschaft der Zukunft erwarten wir, dass der niedersächsische Landeswald – bei steigender Wertschöpfung – dennoch immer ein Vorbild für nachhaltige Waldbewirtschaftung bleibt. Wir halten eine ökonomischen Nachhaltigkeit der Waldbewirtschaftung allerdings für ebenso wichtig wie die ökologische Nachhaltigkeit. Daher erwarten wir, dass Forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse auch dem Privatwald ein gutes Marketing, eine gute Marktposition, eine gute Ertragslage und somit anspruchsvollen Waldbau erlauben. Wir gehen davon aus, dass artenreiche altersgemischte Bestände zukünftig immer mehr zum Regelfall werden.

Zertifizierung
Wälder sollen auch zukünftig flächendeckend die artenreichsten terrestrischen Biotope darstellen. Im dicht besiedelten Deutschland kann dieses Ziel unseres Erachtens großflächig nur durch eine verantwortliche naturnahe Waldbewirtschaftung erreicht werden. Die SDW Niedersachsen hofft vor diesem Hintergrund, dass Holz mit nicht zertifizierter Herkunft zukünftig überhaupt nicht mehr zu vermarkten ist.

Unsere Erwartung an konkrete Ziele und Maßnahmen der Forstwirtschaft ist, dass Zertifizierungssysteme weiterhin – und in zunehmendem Maße – eine wirkungsvolle Garantie für nachhaltige Waldbewirtschaftung geben. Wir erwarten, dass die Kontrollen und Sanktionen schärfer werden und daher noch bessere Beachtung finden. Das Nebeneinander konkurrierender Zertifizierungssysteme empfinden wir nach wie vor als kontraproduktiv. Dies insbesondere vor dem Hintergrund der schwierigen und bisher völlig unzureichenden Vermittlung der Zertifizierungsinhalte gegenüber dem Endverbraucher. Als ausgesprochen unbefriedigend empfinden wir aktuell auch das Fehlen einer verbindlichen räumlichen Bezugsebene für die öffentliche Darstellung der Nachhaltigkeit forstlicher Maßnahmen, insbesondere der Landesforsten. Die Gesamtfläche der Niedersächsischen Landesforsten erscheint uns für diesen Zweck zu groß und daher ungeeignet. Hier müssen dringend kleinere Einheiten – wie z.B. das Forstamt – definiert werden, um dem interessierten oder auch kritischen Betrachter ein differenzierteres Bild von der forstlichen Praxis zu geben. 

Flächenstilllegung

Die SDW Niedersachsen sieht in einem integrativen Naturschutzansatz gegenüber einem segregativen Ansatz den höheren Gesamtnutzen für den Wald in Deutschland und Niedersachsen. Es steht zu befürchten, dass weitere umfangreichere Flächenstilllegungen sonst die Akzeptanz für eine naturschonende Waldbewirtschaftung auf der Restfläche erheblich schmälern werden.

Als konkrete Ziele und Maßnahmen einer zukünftigen Forstwirtschaft erwarten wir in diesem Zusammenhang, dass die bisher bestehenden, vollständig aus der Nutzung genommenen Referenzflächen nur noch in relativ geringem Umfang und nach konkretem Forschungsbedarf weiter ausgeweitet werden und ansonsten auch unter Naturschutzaspekten auf eine zertifizierte naturschonende Bewirtschaftung gesetzt wird.

Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen
Bei den vielfältigen Pflanzungen im Zusammenhang mit Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, insbesondere bei Hecken und Feldgehölzen, die in Zusammenhang mit Waldflächen stehen, erwartet die SDW Niedersachsen die konsequente Vermeidung von Florenverfälschungen.

An konkreten Zielen und Maßnahmen erwarten wir in diesem Zusammenhang von einer zukünftigen Forstwirtschaft, Einfluss darauf zu nehmen, dass auch für solche Neuanpflanzungen gesicherte heimische und standortgeeignete Herkünfte verwendet werden.


5. Wald im Klimawandel
Die SDW Niedersachsen erhofft sich für den Wald der Zukunft, dass sich Bestandesschäden durch extreme Niederschlagsereignisse, durch Stürme oder durch Dürren in tragbaren Grenzen halten werden.

Wir gehen davon aus und erwarten, dass die Grundsätze der Naturgemäßen Waldwirtschaft vor dem Hintergrund der bestehenden klimatischen und damit auch waldbaulichen Unsicherheiten sowohl im Staats- als auch im kleinstrukturierten Privatwald eine ganz neue und breite Wertschätzung erfahren werden.
 

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